Der letzte Kampf der Yukpa Indigenen

Am 12. Oktober, anlässlich des Gedenktages der Ankunft von Christopher Kolumbus in Amerika vor 520 Jahren, macht LAMMP auf den Ethnozid der Yukpa im Zulia-Staat in Venezuela aufmerksam. LAMMP ist eine Non-Profit Organisation, die dem Umweltschutz und der nachhaltigen Entwicklung verpflichtet ist. Sie verfolgt eine verbesserte Lebensqualität von indigenen Völkern in Latein-Amerika.

Im Zulia-Staat in Venezuela werden zunehmende Morde an Indigenen ohne rechtliche Strafverfolgung, sogenannte verschwiegene Morde, gemeldet. Zulia zählt zu den venezolanischen Staaten mit der höchsten Rate an indigenen Völkern in Venezuela. Wegen der vielen ungestraften Gewalttaten wird das Gebiet Sierra de Perija im Zulia gesetzloses Land genannt.

Allein im Jahr 2012 wurden sechs Yukpa-Indigene getötet und sieben weitere verletzt, angeblich durch Auftragskiller der Landbesitzer der Sierra de Perija in Zulia. Die Interessenskonflikte, die die Sierra auseinanderzerren, reichen von Landwirtschaft, FARC, Militär und Drogenhandel bis zu multinationalen Kohlenbergwerken. Doch die schlimmste Bedrohung stellen die Kohlen- und Mineralienminen von Guasare und Paso Diablo dar. Die Minen sind eine grosse Bedrohung für die indigenen Völker und für die grosse Biodiversität der Sierra.

Der Fall des Yukpa-Anführers Sabino Romero

Sabino Romero Lusbi Portillo Alexander Fernandez

Im Kampf um die Rückgewinnung ihres Landes wird der Yukpa-Stamm durch Landwirte und Soldaten bedrängt und bedroht. Der Hunger, vermeidbare Krankheiten und der Mangel an sauberem Trinkwasser gefährden die Existenz der Yukpa-Indigenen. Derzeit erleidet die Familie des Kazique von Shaktapa, Sabino Romero Izarra, ständige Nötigungen von Grossbauern, gestützt vom Militär. 2008 wurde der 102-jährige Yukpa-Schamane Juan Manuel Romero, Vater von Sabino Romero, zu Tode geprügelt. Ein Video zeigt den Schamanen Jose Manuel, wie er einen vorherigen Überfall bei einem Landwirt schildert. Die Strafanzeigen an die Behörden wurden nie verfolgt.

Im Jahr 2009 folgte ein tödlicher Angriff auf die Yukpa-Indigene. Die schwangere Mireya Romero und Ever Garcia, enge Familienangehörige von Sabino Romero, starben. Fünf weitere, darunter Kinder, und Sabino selbst wurden verletzt. Der Vorfall brachte Sabino Romero, Olegario Romero und den Wayuu-Indigenen Alexander Fernandez hinter Riegel. Es wurden keine Dolmetscher zur Verfügung gestellt, dazu wurden die Indigenen Tausende von Kilometern weg von zu Hause in einem Militärgefängnis weggesperrt. Weibliche Angehörige des Yukpa-Stamms beschwerten sich bei den Besuchen im Gefängnis über Soldatenübergriffe. Mit Waffen zwang das Militär sie sich auszuziehen, worauf die Soldaten die nackten Frauen erniedrigten. Es kam zu einer versuchten Vergewaltigung.

Nach 17 Monaten wurde Sabino Romero dank des unermüdlichen Kampfes des Anthropologie-Professors der Universität Zulia, Lusbi Portillo, und des Hungerstreiks des 81-jährigen Priesters Jose Maria Korta freigesprochen. Der Rechtsanwalt des Viehzüchterverbands Machiques (GADEMA), Alfonso Chacin, der den Yukpa Olegario vertrat, verdeutlicht die Interessen des Vereins an der Inhaftierung von Sabino. Olegario gesteht das Verbrechen im nachfolgenden indigenen Yukpa-Gericht.

Die Verfolgung der mächtigen Landwirte

Der Präsident Hugo Chavez verschärfte die Spannungen zwischen Indigenen und Viehzüchtern in Folge einer öffentlichen Parteinahme für die Yukpa. Allerdings ohne die Landwirte für das von ihnen bewirtschaftete Land zu entlöhnen.

Der Konflikt eskalierte Ende 2011, als das nationale Institut für Landwirtschaft (INTI) auf den Landkarten das von den Indigenen beanspruchte Gebiet um 90% vergrösserte. In der Folge entzündete sich in Perija eine Hetze gegen die Yukpa. Der kollektive Hass wird täglich durch die Kriminalisierung der Yukpa-Indigenen in Medien wie „La Verdad“ und durch den Viehzüchter-Verein GADEMA verstärkt.

Darauf wurden 2012 die Yukpa-Indigenen Wilfrido Ramos, Lorenzo Romero, Leonel Romero, Dario Garcia und die jungen Wayuu Alexander Fernandez und José Luis Fernández in Perija ermordet. Alexander war gleichzeitig mit dem Yukpa-Kazique Sabino wegen des Kampfes für das indigene Territorium verhaftet worden.

Immer noch lauern bewaffnete Männer in der Nähe der Yukpa-Anführerin Carmen Fernandez. Carmen Fernandez hat schon zwei Söhne verloren, darunter Alexander Fernandez. Einem Dritten fügte man eine schwere Magenverletzung zu, so dass eine wöchentliche kostenintensive medizinische Versorgung nötig ist. Als Carmen Anzeige erstattete, wiesen die Behörden diese zurück und drohten der Yukpa-Indigenen „ihre weiteren Kinder zu töten und ihr Blut zu trinken“.

Fiona Watson von Survival International betont: “Die Situation der Yukpa ist extrem ernst. Seit Jahrzehnten ist der Stamm Opfer von Gewalt der mächtigen Landwirte in Perija. Obwohl seit 1999 die venezolanische Verfassung indigenen Völkern ein kollektives Eigentum an ihrem Territorium gewährleistet, hat der Staat wenig unternommen, um diese Rechte zu sichern. Die Besetzung durch das Militär hat verheerende Auswirkungen auf ihre Kultur und Lebensweise. Yukpa-Indigene werden politisch verfolgt, um sie im Gefängnis zum Verstummen zu bringen.”

Die Yukpas sind Dissidenten der venezolanischen Chavez-Regierung

Der Kazique Sabino Romero stellt sich gegen die Pläne der Regierung für den Bergbau. Laut der NGO Homo et Natura hat Venezuela Bewilligungen an die russische Regierung für die Förderung von Coltan und Uran erteilt. Die wirtschaftlichen Absichten von Hugo Chavez wurden kürzlich in seinem Kandidaturvorschlag deutlich, der die ausdrückliche Ausbeutung der natürlichen Ressourcen in Venezuela anstrebt.

Eine Strategie, die der indigenen Weltsicht widerspricht. Denn die Indigenen beanspruchen naturbelassenes Land, sprich frei von Vieh, Kohlenminen oder Bergbau. Die Indigenen sind Teil des Ökosystems des Naturparks Sierra de Perija. Die Weiterverfolgung des Steinkohlenbergbaus der Flüsse Socuy, Maché und Cachirí in der Sierra de Perija stellt nicht nur eine Bedrohung für die indigenen Gemeinschaften in der Region dar. Es ist auch eine erhebliche Gefahr für die Erhaltung des schon angeschlagenen Ökosystems des Naturparks Sierra de Perija. Seine Verschlechterung würde den Wasserressourcen einer der grössten Regionen von Venezuela schaden: Maracaibo und der gesamten Westküste des Sees. Der Verlust der tropischen Wälder durch Kohlebergbau verursacht nicht wieder gutzumachende Schäden. Der Naturpark Sierra de Perija weist unter allen Ökosystemen weltweit einen der grössten Reichtümer Pflanzen- und Tierarten pro Flächeneinheit auf.

Die Non-Profit-Organisation Homo et Natura, die den Kampf mit den indigenen Völkern in der Perija führt, erklärt: “Der eigentliche Grund der Chavez-Regierung den Bari- und Yukpa-Indigenen nur Bruchteile der Grundstücke zuzuerkennen und ihnen ihre Rechte auf das kollektive Ahnengebiet zu verweigern, liegt in der geo-ökonomischen Strategie Latein-Amerikas. Diese Pläne werden vom Bau von vier Hauptverkehrsstraßen und fünf Mitlitärstandorten begleitet werden.” Fakt ist, dass nur 2,4% der indigenen Landfläche ausschließlich an die Protagonisten der Bolivarischen Revolution vergeben wurden.

Verlust von Ahnengebieten, heiligen Stätten und Kultur

Wenn die Indigenen ihr Land verlieren oder dieses verschmutzt ist, verschwinden Fischfang und Jagd, die Nahrungsversorgung der indigenen Bevölkerung. Beispiel sind die Añu, die ihr Territorium, ihre heiligen Stätten und ihre indigene Sprache verloren haben. Die Mission von Maria Luisa Lundvik, Direktorin des Kinderdorfs Benposta in Maracaibo, ist es, die Zahl der an Unterernährung oder heilbaren Krankheiten sterbenden Kinder zu reduzieren. Auch heilbare Krankheiten wie Malaria bekämpft Maria Luisa in Los Frailes in Zulia dank eines mit Hilfe von Spenden selbsterbauten Kinderhauses.

Die Yukpa-Indigenen 

Die Yukpa sind eine ethnische Gruppe, die vor 2 500 Jahren am Maracaibo-See beheimatet war und dessen Siedlungsgebiet bis in die Sierra de Perija in Venezuela und Kolumbien reicht. Anlässlich der Expedition des Deutschen Ambrosio Alfinger kam es 1528 zum ersten Kontakt mit der westlichen Kultur. 1722 gründeten die Kapuzinermissionare das Macuaes-Dorf, das heutige Machiques, um die Indigenen zu „zivilisieren“. Zwischen 1908 und 1935 übergab der Putschist Juan Vicente Gómez viele von den einheimischen Wäldern und Flüssen an Grosskonzerne wie Shell. Dank Nestlé wurde die Massentierhaltung in den 40er Jahren verdreifacht. Während ein wirtschaftlicher Aufschwung der Landwirtschaft stattfand, usurpierte die schwere Invasion durch Viehzüchter, Bauern und Pächter zwischen 1956 und 1975 90% des indigenen Territoriums Zulia. Die Bevölkerungsexplosion in den 50er Jahren, als sich die venezolanische Bevölkerung alle drei Jahre verdoppelte, vertrieb die Yukpa-Indigenen mehr und mehr in die Höhen der Sierra-Berge in Perija. Machiques entwickelte sich zum Mekka der Viehzucht, die billige Arbeitskräfte benötigte. So ergab sich, dass sich Indigene als Dienstmädchen, Chauffeure und Schichtarbeiter gegen Obdach, Nahrung und Almosen verdingten. Andere Indigene suchten Zuflucht in der Zulia-Hauptstadt Maracaibo, wo sie noch heute als Bettler das Strassenbild prägen.

Heute leben in Venezuela rund 15 000 und in Kolumbien 7 000 Yukpa-Indigene in der Sierra de Perija.

LAMMP.org

Das Latin-American Mining Monotoring Programme LAMMP ist eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in London, die sich mit der Unterstützung lateinamerikanischer Frauen und ihrer Gemeinschaften in ihrem Kampf für Menschenrechte, nachhaltige und beteiligte Entwicklung im Bergbau befasst.

http://lammp.org

 

Mama Tierra

October 10th, 2012 View Profile

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