Ein Tag mit Maria Luisa Lundvik

Maria Luisa Lundvik ist die Direktorin der von Mama Tierra unterstützten Kinderorganisation Benposta in Venezuela. Maria Luisa hat das Kinderdorf 1990 gegründet und leitet das Projekt noch heute. Die 65-Jährige denkt nicht daran, nach Schweden zu ihren Kindern auszuwandern. Die schwierigen Umstände, die in Venezuela herrschen, nehmen Maria Luisa keineswegs den Mut. Die schlimmste Krise in der Geschichte Venezuelas ist für die 65-Jährige kein Grund zur Pensionierung. Im Gegenteil, sie hat noch 10 Projekte offen, die baldmöglichst zu realisieren sind. Nach 45 Jahren Aktivismus und Sozialarbeit ist Maria Luisa fitter als je zuvor.
Zufällig bin ich im Internet auf einen Artikel einer deutschen Journalistin namens Andrea Tönnißen gestossen. Andrea hat Maria Luisa 2005 kennengelernt und einen Bericht über ihre Arbeit geschrieben. Diesen betitelte sie “Mutige Einzelkämpfer braucht das Land”.

Maracaibo, 18. Feb. 2005. Der Bundesstaat Zulia gehört zu den reichsten Regionen der Erde. Im äußersten Nordwesten Venezuelas lagern die größten Erdölvorkommen Amerikas. Das Ufer des Maracaibo-Sees hat sich schon einige Meter abgesenkt, so stark wurde hier in den vergangenen Jahrzehnten Öl gefördert. Kein Wunder, denn mit der Entdeckung der ersten Ölquelle im Jahr 1914 wurde Venezuela immer reicher und machte sich gleichzeitig abhängig vom Öl.
In den fetten Jahren mit hohen Ölpreisen ging es dem Land gut, aber es gab auch schlechte Zeiten. Egal wie hoch oder wie niedrig der Ölpreis gerade war, in Zulia wurde das schwarze Gold gefördert und unendlich viel Geld gescheffelt. Doch gerade in diesem Bundesstaat leben extrem viele Menschen in bitterer Armut. Grund dafür ist, wie so oft, die ungerechte Verteilung von Geld und Macht. Der Reichtum aus dem Ölgeschäft kommt nur wenigen zugute, der Rest geht leer aus.

Erste Ölförderung in ZumaqueIma, Zulia 1914

Erste Ölförderung in ZumaqueIma, Zulia 1914

Die größte Gruppe stellen die Guajiros, die im Nordwesten des Bundesstaats beheimatet sind. In der Hauptstadt Maracaibo erkennt man die Guajiro-Frauen leicht an ihren traditionellen bunten und langen Kleidern. Die einheimischen Volksgruppen leiden am stärksten unter der ungerechten Verteilung von Geldern und Hilfeleistungen im Land. Das Elend ist so groß, dass täglich Menschen an Unterernährung und Infektionskrankheiten sterben.
Das wollte Maria Luisa Lundvik aus El Mojan, einem Dorf im Nordwesten Zulias, nicht länger mit ansehen. Sie kümmert sich seit 30 Jahren um die einheimische Bevölkerung in der Region Guajira nahe der kolumbianischen Grenze. Wegbereiter für ihr Engagement war die katholische Organisation Benposta, die 1990 ihre Aktivitäten nach Venezuela ausweitete.

FESTIVAL DE LA CULTURA WAYÚUBenposta bietet Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, in einer Gemeinschaft aufzuwachsen und dabei soziale Zusammenhänge zu erleben, eine Schule zu besuchen und Artist im Zirkus zu werden. Diese Gemeinschaft nennt sich Nación de Muchachos und funktioniert wie ein eigener kleiner Staat. Es werden Bürgermeisterwahlen abgehalten, es gibt eigenes Geld und Arbeit für alle. Maria Luisa war von der Philosophie Benpostas so begeistert, dass sie dieses Projekt nach Los Frailes in den Bundesstaat Zulia holte. Die Menschen leben hier ohne fließendes Wasser, Strom und medizinische Versorgung, Unterernährung und Infektionskrankheiten sind normal.

CIMG5170

Erst vor einem Jahr starb wieder ein siebenjähriger Junge aus ihrem Dorf an Hunger. Maria Luisa und die Anwohner waren darüber so aufgebracht, dass sie das Kind im Sarg auf den Dorfplatz brachten, um gegen die Ungerechtigkeit zu demonstrieren. Mit dieser Aktion schaffte es Maria Luisa sogar ins Fernsehen, das ihre Erschütterung landesweit übertrug. Doch die Ungerechtigkeit nimmt kein Ende.

nene muerto

Vor einem Jahr erstritt sie 30 Steinhäuser für die Dorfgemeinschaft, die Weihnachten absichtlich überschwemmt wurden. Ende 2004 regnete es tagelang heftig in der Region. Die Flüsse schwollen an und wurden zu reißenden Strömen. Die Regierung entschloss sich kurzerhand, die Schleusen zu öffnen, obwohl sie wusste, dass damit die Gebiete der Guajiros überschwemmt würden. Maria Luisa ist jetzt noch verzweifelt und wütend, wenn sie an diese Zeit denkt, denn bis heute weigert sich die Regierung des Bundesstaats, Wiedergutmachung zu zahlen. Sogar das Auto ihres Mannes hat sie bei den Fahrten in die Überschwemmungsgebiete ruiniert, nur um den Menschen Lebensmittel und Kleidung zukommen zu lassen.

CIMG1398

Ohne Auto ist man in der Region aber aufgeschmissen, und so hat sich Maria Luisa einen Geländewagen von einem Freund ausgeliehen. Der Wagen ist voll gepackt mit Shampoo, Reis, Klopapier und Obst, als wir zu den Dörfern aufbrechen. Ein bewaffneter Gardist der Bundesarmee ist zu unserem Schutz mit dabei. Ohne ihn würde man uns den Wagen sofort stehlen und uns gleich mit.

Als wir nach fast zwei Stunden die Benposta-Gemeinde erreichen, sind die ausländischen, freiwilligen Helfer die einzigen, die arbeiten, der Rest der Gemeinde hängt herum. Noch schlimmer ist es in Los Frailes, dem ehemals überschwemmten Gebiet. Die im 2004 errichtete Vorschule ist geschlossen, die Kinder sind dreckig und laufen nackt herum bzw. schwimmen im Abwasser der Gemeinde. Maria Luisa ist sauer und ruft alle Frauen zusammen. Sie versteht nicht, wieso die Kinder nicht die Kleider tragen, die sie vor zwei Monaten mitgebracht hat. Schweigen auch auf die Frage, warum die Schule geschlossen ist. Dann endlich fangen die Frauen doch noch an zu reden. Es gibt leider keine Antworten auf die Fragen, aber dafür Vorwürfe und Forderungen, zum Beispiel, wann endlich Strom und Wasser in das Dorf kommen. Maria Luisa bleibt ruhig, diskutiert noch eine Weile mit den Frauen, und ich bewundere immer mehr die Energie dieser Frau.

Ich frage mich, woher Maria Luisa die Kraft nimmt, für die Menschen hier zu streiten, obwohl die Zusammenarbeit sehr schleppend läuft. Maria Luisa lächelt und antwortet, dass sie nur an die Kinder heran will. Die Erwachsenen interessieren sie nicht, die sind bereits verloren, aber die Kinder sind wichtig, denn sie sind die Zukunft. Und bei den Kindern hat Maria Luisa schon einiges bewirkt. Drei Jungs üben am Ufer des Flusses in der Benposta-Gemeinde Zirkuskunststücke. Sie sagen, dass sie noch härter üben müssen, denn wenn sie gut genug sind, schickt sie Benposta vielleicht nach Spanien in die Zirkusschule. Dort lernen sie nicht nur Kunststücke, sondern gehen auf eine gute Schule und machen anschließend eventuell sogar eine Ausbildung. In diesem Moment verstehe ich, was Maria Luisa meinte. Die Kinder muss sie erreichen, und dann ändert sich auch etwas.

Maria Luisa mit Añu-Indianer-Babies

Der Weg dahin ist anstrengend, und einen Eindruck von den Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Geldern und Mitteln bekomme ich, als ich sie einen Tag lang bei Behördengängen in Maracaibo begleite. Maria Luisa scheucht ihren kolumbianischen Mitarbeiter und Fahrer John energisch durch die Straßen von Maracaibo. Springt die Ampel gerade auf grün, ruft sie ihm schon „Pita, pita!“ zu, also Hupen. Wir sind unterwegs zu dem staatlichen Institut für berufliche Weiterbildung INCE. Die Behörde bietet Kurse für Jugendliche und Erwachsene an.

Maria Luisa hat es wie immer eilig, denn sie will mit der neuen Präsidentin von INCE sprechen. Die ist seit drei Tagen im Amt, und Maria Luisa will sie sofort auf die Probleme ihrer Leute in den Dörfern aufmerksam machen. Die Präsidentin thront hinter einem Schreibtisch, der unter der Last der vielen Papierstapel fast zusammenbricht. Drei Assistentinnen schwirren um sie herum, telefonieren mit ihren Handys und machen Termine aus. Maria Luisa kommt in einer kleinen Pause zu Wort, aus ihrer großen, schwarzen Dokumentenmappe zieht sie nach und nach Papiere mit Statistiken, erläutert kurz und knapp die Lage und bittet um finanzielle Unterstützung. Die Präsidentin verspricht, sich persönlich ein Bild von allem zu machen, und lässt Maria Luisas Namen notieren. Danach geht es ein paar Stockwerke höher in die Verwaltung von INCE. Dort sitzt eine Frau, die Maria Luisa gut kennt, und das ist viel wert. Vor sechs Monaten hatte INCE eine berufliche Fortbildungsmaßnahme für die Einheimischen in den abgelegenen Dörfern an der Grenze bewilligt. Natürlich sind die Lehrkräfte nicht regelmäßig gekommen, und wenn sie da waren, hatten sie oft keine Lust zu unterrichten, aber darauf war Maria Luisa schon vorbereitet. Unvorbereitet traf sie die Tatsache, dass INCE die Kosten für die Verpflegung während der Fortbildung nicht bezahlen würde. Dazu ist die Behörde aber verpflichtet, und nun versucht Maria Luisa das Geld für sechs Monate Essen einzutreiben. Die Dame in der Verwaltung ist ihr wohl gesonnen, kann ihr aber nur einen Scheck für 2,5 Monate Verpflegung ausstellen.
Sie gibt Maria Luisa noch den Rat, ihn sofort bei einer Bank einzulösen, denn wer weiß, ob er in zwei Tagen noch gültig ist, schließlich gibt es eine neue Chefin in der Behörde. Das ließ sich Maria Luisa nicht zweimal sagen, und so fahren wir danach direkt zur Bank. Von dort aus geht es zu einer großen Ölfirma, von der sie das Geld für die Medikamente eines krebskranken Jungen in ihrem Dorf bekommen will.

El Mojan from Mama Tierra on Vimeo.

John und ich besorgen in der Zwischenzeit alles Mögliche von Türschlössern bis hin zu neuen Plastikbezügen für die gynäkologischen Stühle in der Ambulanz der Benposta-Gemeinde. Dann in den Supermarkt und in ein Möbelgeschäft, um Matratzen und Bettgestelle für ihre kleine Pension einzukaufen, ein kurzer Zwischenstopp in einem chinesischen Schnellimbiss und dann endlich zurück in ihr Dorf. Auf dem Rückweg halten wir kurz bei einer Frau, die ohne Arme und Beine geboren wurde, vor einigen Jahren an Brustkrebs erkrankte und dringend auf ihre Medikamente wartet. Gegen 22 Uhr sind wir in El Mojan, ich bin völlig erledigt, Maria Luisa auch, aber bei ihr brennt noch Licht bis weit nach Mitternacht, und am nächsten Morgen ist sie schon wieder um 5.30 Uhr auf den Beinen.

Mama Tierra

March 5th, 2015 View Profile

Supporting indigenous people, saving mother earth!

Leave a Reply