Ausstellungsrezension: NONAM Bison, Büffel, Buffalo

Das NONAM Museum in Zürich wurde 1963 eröffnet. Es „widmet sich der Kultur und Kunst der Indianer und Inuit in Nordamerika. Eine abwechslungsreiche Museumslandschaft führt die Besucherinnen und Besucher an die vielfältigen Lebensbedingungen der Indianer und Inuit heran. In wechselnden Sonderausstellungen öffnet das NONAM Fenster zu aktuellen Themen und setzt Akzente im Bereich zeitgenössischer, indigener Kunst“ (NONAM Nordamerika Native Museum, 2017).  Das Museum zeigt  drei Dauerausstellungen,  temporäre Ausstellungen und besitzt einen Hörsaal. Die Dauerausstellungen bieten Einblicke in die materielle Kultur der Nordwestküsten-, Arktis- und Waldlandindigenen. Auch sind Illustrationen über Landschaften und detailgetreue Darstellungen der Indigenen in Stichtechnik von Karl Bodmer (1809-1893) zu besichtigen.

Die Ausstellung „Bison, Büffel, Buffalo“ ist so ausgerichtet, dass die Besucher sich durch die im Raum positionierten Elemente auf eine Spurensuche begeben. Dabei wird vor allem die Frage reflektiert: Weshalb wurde die Büffelpopulation im 19. Jahrhundert drastisch dezimiert? Dazu wird die Geschichte der Büffel in Nordamerika  anhand von historischen Fakten wiedergegeben. Daher  schlägt die Ausstellung einen  „constructivist approach“ ein:  Ausstellungen sollen wie Texte gelesen werden können. Dies steht im Gegensatz  zum „practice-based approach“, bei dem die Handlungsmacht der in der Ausstellung erwähnten Akteure hervorgehoben  wird (Bouquet 2006, 121).  Da sich aber die Ausstellung auf das 19te Jahrhundert bezieht und die Akteure längst nicht mehr in diesen Umständen leben, ist der vom Museum ausgewählte Ansatz berechtigt.

So erlebt der Besucher eine durch künstliche Grashalme geschaffene Prärie-Atmosphäre. Ein Bison in Echtgrösse, Jagdartefakte und indigene Bekleidung sind ausgestellt. Multimediale Technik wird eingesetzt, um Inhalte z.B über die  Jagdtechnik zu vermitteln.

Die Ausstellung ist in drei Bereiche unterteilt. Der erste Teil informiert die Besucher über die Plains-Indigenen als Hauptakteure in der Beziehung zu den Büffelherden. Das Museum stellt dar, auf welche Weise die Büffel in die  Kultur der Indigenen eingeflochten waren, beispielsweise  in ihren Tänzen, Mythen und Riten.

Es wird beleuchtet inwiefern die Büffeljagd durch die Einführung von westlichen Schusswaffen und Pferden effektiver wurde. Dieser vermehrte Zugang zum Leder und der damit gesteigerte Arbeitsaufwand der Verarbeitung hatte zur Folge, dass gute Jäger mehrere Frauen hatten, um das Leder zu verarbeiten. Die Skills der Frauen wurden sophistizierter. Dadurch entstanden Hierarchien nach der Könnerschaft in der Herstellung von materieller Kultur. Frauen mit besonderer Begabung erhielten beispielsweise eine Adlerfeder als Auszeichnung für ihr Können.

Die Einführung  von Pferden und Schusswaffen sind, ganz im Sinne des materialistischen Ansatzes von Maurice Godelier (1979), als Produktionsmittel zu verstehen.  So hat die vermehrte Verfügbarkeit von Büffelleder eine wichtige Rolle in der historischen Entwicklung der Plain-Indigenen Gesellschaften gespielt.  Geschlechterrollen, Arbeitsteilung und Intragender-Hierarchien wurden dadurch maßgeblich geprägt.

Der zweite Bereich spiegelt die Einführung der Lokomotive wider und führt die verehrenden Effekte für die Bisonpopulation vor Augen. Die Herde wurde von schätzungsweise 25 Millionen Tieren auf 300 Tiere abgeschlachtet. Verhandlungen zwischen Indigenen und westlichen Einwanderern, die die Dezimierung  zu verantworten haben, wird  in der Ausstellung beleuchtet. Die Zusammenarbeit von Westlichen und Indigenen ist der Grund weshalb die Bison fast ausstarben, damit wird ein Stereotyp aufgelöst, dass Indigene naturverbunden sind und der Untergang der Natur ausschliesslich auf die Europäer zurückzuführen ist.

Der dritte Teil beleuchtet die heutige Situation der Büffel, die unter Naturschutz stehen und in Nationalparks, wie dem Yellowstone Nationalpark,  beheimatet sind.

Die Ausstellung kostet für Erwachsene 12 CHF für Kinder die Hälfte. Da das Museum auf bezahlte Eintritte zählt, drängt sich der Gedanke auf  dass die Bezeichnung von indigenen Gruppen als „Indianer“ strategisch als Aufhänger benutzt wird, um grosse Massen anzusprechen und anzulocken. Der politisch korrekte Begriff ist laut den Vereinten Nationen „Indigene Völker“ (Erklärung der Vereinte Nationen Indigenen Völker, 2017). Als kulturvermittelnde Institution sollte das Museum den politisch korrekten Begriff „Indigene“ über die massenansprechende, aber abwertende  Bezeichnung „Indianer“ bevorzugen. Falsche Bezeichnungen lenken in die falsche Richtung: beispielsweise betitelt die Coopzeitung (2017), ihren Artikel über die Büffelausstellung: „Ureinwohner: Die Welt der Indianer.“

Ausserdem bietet das Museum Kinderaktivitäten an, die durch die negativ konnotierte Bezeichnung „Indianer“, eine evolutionistische Haltung vermitteln. Die getätigte Objektifizierung seitens des Museum, das heisst die De- und Rekontextualisierung, wobei Bedeutung und Kultur zugeschrieben werden, erhält durch diese fundamentale falsche Bezeichnung eine irreführende Basis.

Quellen (Literaturverzeichnis)

Bouquet, Mary, (ed) 2006. Academic Anthropology and the Museum. Back to the Future. New York and Oxford: Nerghahn Books.

Coopzeitung. 2017. http://www.coopzeitung.ch/23208399. Zugriff: 27.5.2017.

NONAM Nordamerika Native Museum. 2017. http://www.museums.ch/org/de/NONAM-Nordamerika-Native-Museum.  Zugriff: 27.5.2017.

Erklärung der Vereinte Nationen Indigenen Völker. 2017. http://www.un.org/Depts/german/gv-61/band3/ar61295.pdf. Zugriff: 27.5.2017.

Godelier, Maurice and Garanger, José: Stone tools and steel tools among the Baruya of New Guinea. Some ethnographic and quantitative data. Social Science Information 1979, No. 18, pp. 633-678.

 

 

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