Die Wayuu haben am Tag der indigenen Frau nichts zu feiern. Im Gegenteil!

Screenshot 2014-09-23 20.12.22Wayuu-Frauen haben anlässlich des Tages der indigenen Frau vom 5. September eine Informationsveranstaltung in Maracaibo organisiert. Die Wayuu sind das zahlreichste indigene Volk in Venezuela und Kolumbien. Wie die meisten Indigenen kämpfen die Wayuu täglich gegen Armut, Diskriminierung und Hunger an. Den Event haben die Frauen #WirSindAlleBartolina benannt und somit Bartolina Sisa gewidmet. Sie war eine bolivianische Indigene des 18. Jahrhunderts, die wegen ihres Befreiungskampfs von den Eroberern hingerichtet wurde. Mit der Veranstaltung wollten die Wayuu-Frauen über ihre Lebensumstände informieren und die Öffentlichkeit aufrütteln. Zu unserer Überraschung war der Saal war fast leer. Ein Zeichen der Gleichgültigkeit der Venezolaner gegenüber den Indigenen?

Angela Fernandez hat ihren Kampf, venezolanische Soldaten zu Rechenschaft zu ziehen, mit dem Publikum geteilt. Streitkräfte hatten im März ihren Ehemann Nelson Gonzalez erschossen. Er hatte den Halteschrei der Soldaten überhört, weil er im Auto laut Musik hörte. Daraufhin wurde er erschossen. Nelson wurde in einem Spital in einem kleinen Dorf namens Paraguaipoa behandelt, wo es an medizinischer Versorgung mangelte. Er erlag nach vier Stunden seinen Verletzungen. Der Soldat, der auf Nelson geschossen hat, ist Angela bekannt. Doch nach sechsmonatigem Streit mit den Behörden hat immer noch kein Gerichtsprozess stattgefunden.

Olimpia Palmar ist junge Journalistin für das Wayuu-Radio Fe y Alegria. Mit Tränen in den Augen beschrieb sie ihre täglichen Lasten. Olimpia hat zwei Kleinkinder, die sie trotz extremer Inflationsrate, trotz Wasser-, Lebensmittel- und Elektrizitätsknappheit durchbringt. Wochenlang fehlt die Wasserzufuhr, die Elektrizität kommt und geht. Aber was schwerer zu verkraften sei, seien die Beleidigungen der Stadtmenschen in Maracaibo. Die Wayuu seien alle Schmuggler! Sie würden das Essen, das in Venezuela fehlt, nach Kolumbien verkaufen. Alle seien Diebe, so die Alijuna (die Westlichen). Der Kampf aller Wayuu-Frauen ist es aber, ihren im Durchschnitt 7 Kindern genügend Nahrung zu bringen.

Viele Wayuu-Frauen leben in ruralen Gebieten ausserhalb der Städte. Um dorthin zu gelangen, durchlaufen die Frauen eine Vielzahl von Militärsperren. Dort nimmt man ihnen das Essen weg oder sperrt sie wegen illegalen Schmuggels ein. Über die venezolanische Grenze nach Kolumbien ist die Zufuhr von einem Kilo pro Produktkategorie gestattet, beispielsweise 1 Kilo Mehl nicht 2. Das ist ein Problem, denn die Wayuu-Frauen haben eine grosse Familie zu ernähren und reisen alle paar Wochen, um in Venezuela einzukaufen. In Kolumbien Einkaufen ist zu teuer für sie, und warum auch, sie sind ja auch Venezolanerinnen. Gemäss Olivia, die in der Organisation für Menschenrechte der Guajira tätig ist, sitzen 110 Wayuu-Frauen wegen “Nahrungs-Schmuggel” im Gefängnis.

Soraia Morales ist Direktorin der indigenen Universität Aldea Universitaria in Venezuela. Sie gratulierte Olivia, weil sie noch imstande ist zu weinen. Ihre Tränen habe die Fünfzigjährige vor langem vergossen. Sie sei jetzt nur noch wütend. Um pünktlich an der Konferenz zu erscheinen, die um 9 Uhr morgens angefangen hatte, sei sie um 3 Uhr morgens aufgestanden. Obwohl ihr Zuhause nur knapp eine Stunde entfernt liegt, musste sie stundenlang Schlange stehen. Die Strassen von La Guajira nach Maracaibo sind von Soldaten gesperrt. Sie mobben die Wayuu, beleidigen sie und nehmen ihnen weg, was immer sie können.

Soraia träumt von einem Wayuu-Kalender, Masterstudiengängen in Wayuunaiki (die Wayuu-Sprache) oder Büchern über die Wayuu-Kultur. Leider bleiben diese Projekte Träume, denn der Kampf der Wayuu-Frau ist es, ihre Familie durchzubringen und nicht dabei im Gefängnis zu landen.

Conferencia dia de la Mujer indigena from Mama Tierra on Vimeo.

Hintergrundinformationen zum Schmuggelproblem in Venezuela

Der verstorbene Präsident Hugo Chavez verabschiedete eine Reihe von Gesetzen, um den Indigenen aus der Armut zu verhelfen und somit „Gerechtigkeit“ geschehen zu lassen. In diesem Rahmen vergab Chavez Kredite an die Wayuu-Indigenen, um Lastwagen zu kaufen und das günstige Benzin in Kolumbien zu verkaufen. Das Geschäft mit dem Benzin eskalierte aber zu einem politischen Konflikt mit Kolumbien. Dort kostet das Benzin hundertmal mehr als in Venezuela. 2010 war Schluss! Derselbe Hugo Chavez erklärte die Guajira in Venezuela zum Militärdistrikt der „Bolivarianischen Republik Venezuela“, um dem “Schmuggel” ein Ende zu setzten. Laut Leonel Lopez, Sekretär der Organisation für Menschenrechte der Guajira, haben Streitkräfte seit der militärischen Besetzung in La Guajira 25 Wayuu-Indigene umgebracht.

Rassismus und Xenophobie

Obwohl das Volk in Venezuela ethnisch durchmischt ist und indigenes Blut in ihren Adern strömt, verteufelt die Mehrheit der Kreolen die Wayuu. Der Warenmangel und die Versorgungsknappheit seien Schuld der Wayuu. Die „Indianer“ würden die subventionierten Lebensmittel und Benzin mit Profit in Kolumbien verkaufen, so die Medien und Politiker in Venezuela. Doch ist diese Minderheit in der Lage, einen derart organisierten Schmuggel zu betreiben? Rund 10 Militärwachen auszutricksen oder zu bestechen, um von Maracaibo nach Maicao zu gelangen? 8% der Bevölkerung des angrenzenden Staat Zulia sind Wayuu-Indigene.

Ganz Venezuela leidet an Warenmangel. Die Wahrheit ist, dass die Privatwirtschaft praktisch nichts mehr produziert, sei es wegen der hohen Inflationsrate oder der Enteignungsgefahr. Die Diskriminierung von Indigenen wie den Wayuu seitens der Venezolaner bleibt ein gravierendes soziales Problem.

Fakt ist, die Wayuu-Frauen stehen alleine mit ihrem Leid. Wie die indigene Freiheitskämpferin Bartolina, leiden auch die Wayuu-Frauen. Ständig werden ihre Menschenrechte verletzt.